Musik vor Ort: Komponieren für besondere Funktionen und Zielgruppen.

 

 

Musik in der Schule

Als ich Mitte der 1990er Jahre begann, das Konzept einer „Experimentellen Gebrauchsmusik“ zu entwickeln, bestand ein echter Bedarf an Neuer Musik für die Schule oder Musikschule. Von den Akteuren des Neue-Musik-Betriebs wurde dieser Bedarf in erster Linie unter dem Aspekt der Publikumsrekrutierung oder – im besten Fall – des nachhaltigen „Hinführens“ betrachtet. Viele meiner konzertpädagogischen Mitstreiter und auch mich selbst interessierte es hingegen sehr viel mehr, das spielerische, klangforscherische und experimentelle Potential dieser Musik für Kinder und Jugendliche fruchtbar zu machen.
Zwei Jahrzehnte später hat sich die Landschaft grundlegend geändert: Was damals noch exotische Pioniertat war – mit Neuer Musik in die Schule zu gehen, eine Komposition für Schulchor oder für Instrumentalanfänger zu schreiben – ist erfreulicherweise fast schon zum Mainstream geworden. Der Gedanke freilich, dass Derartiges schon lange nichts "Vermittelndes" mehr ist, sondern längst zu einem zentralen Teil des "Eigentlichen" geworden sein könnte - dieser Gedanke ist der Neue-Musik-Szene nach wie vor fremd.

 

Musik für geistig behinderte Akteure

Unter meinen vielen Kooperationspartnern, Mitarbeitern und Interpreten sind mir die geistig behinderten Musikerinnen und Musiker besonders ans Herz gewachsen. Für sie und mit ihnen Musik zu erfinden, das bedeutet für mich: Formen zu suchen, die ihrem Ausdruckspotential und ihrer Spielfreude gerecht werden. Und ein klein wenig dazu beitragen, dass dem sozialen Ghetto, in dem sie leben, von Zeit zu Zeit die eine oder andere undichte Stelle zugefügt wird.

 

Musik in der Kirche

In vielen Jahren nebenamtlicher Tätigkeit als Kirchenmusiker habe ich die Kirche als ein besonders wertvolles musikalisches Biotop schätzen gelernt: Als einen Ort, an dem gemeinsam gesungen und sehr konzentriert zugehört wird. Als einen Ort, an dem Traditionen gepflegt werden, an dem zugleich aber auch stetiger Bedarf an neuen Formen für die jährlich wiederkehrende Auseinandersetzung mit existentiellen Themen herrscht. Und als einen Ort, wo Schräges und Experimentelles nicht gleichgültiges Achselzucken und Weiterzappen hervorruft, sondern Widerstand, heftige Auseinandersetzung – und mitunter auch heftige Identifikation.
Als säkularisierter, in Glaubensdingen skeptischer Protestant wird mir in der Kirche vieles zugemutet. Dass sie umgekehrt meine musikalischen Zumutungen erträgt und ihnen Raum gibt, hilft mir, in ihr dennoch eine Heimat sehen zu können.

 

Musik für interkulturelle und interreligiöse Begegnungen

Mein Interesse an musikalischem Crossover ist eher gering. Wichtiger als klingende Fusionen und Utopien ist mir die Frage: Was kann Musik zum ganz realen Miteinander in der ganz realen mulitkulturellen Gesellschaft beitragen? Wie muss sie beschaffen sein, um auch in diesem Kontext ein Instrument von Begegnung, Annäherung und gestalteter Distanz sein zu können?
Beantworten kann ich diese Frage stets nur unvollständig, als partieller „Ausländer“ und somit als Lernender, häufig genug auch als blutiger Anfänger. Doch genau dies scheint mir ein sinnvoller und ehrlicher Ausgangspunkt für eine „neue interkulturelle Gebrauchsmusik“ zu sein: Einzugestehen, dass das Fremde fremd ist, anstatt es sich virtuos einzuverleiben.

 

Musik für Sterbende

Die musikalischen Begegnungen mit Sterbenden und ihren Angehörigen haben mich weiter und radikaler als jede andere bisherige Arbeit vom herkömmlichen Berufsverständnis des Komponisten als "Künstlers" entfernt. Originalität, künstlerische Profilierung, Öffentlichkeit - dies alles ist hier fehl am Platz. Dennoch kann kompositorisches Handwerk und sogar eine gewisse experimentelle Neugierde von Nutzen sein. Sich musikalisch ganz auf ein einzelnes Gegenüber einzulassen, auf seine momentane Verfassung, seine Lebensgeschichte, seine individuelle Spiritualität - das fällt leichter, wenn möglichst wenige ästhetisch-stilistische Vorgaben das eigene Tun leiten.

 

Dienende Musik

Gerade der Gedanke einer „sich unterordnenden“ Musik galt in der Avantgarde des 20. Jahrhunderts lange Zeit als hoch problematisch: Als Verrat an der eigenen künstlerischen Autonomie und – dort, wo Musik im Hintergrund unterschwellig wirksam bleibt – als Bevormundung und Manipulation des Hörers.
Doch wie jedes heutige Komponieren bedeutet auch das Erfinden von Gebrauchsmusik: Aus dem Vollen schöpfen zu können – und zu müssen. Mit jeder neuen Versuchsanordnung (manchmal sogar mit jedem Takt) kann und muss das Verhältnis zwischen dem Erklingenden und seiner Funktion neu definiert werden. Die Skala der möglichen Autonomie- und Abhängigkeitsgrade reicht dabei von der vollständigen Musikalisierung alles Klingenden über ein bewusst plakatives oder zurückgenommenes Begleiten bis hin zum völligen Verzicht auf jede musikalische Eigenständigkeit.

 

 

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