Accompagnato (2008)

Die Kunst des Begleitens

Uraufführung: 3. Juni 2008 im Rahmen des Festivals Kultur vom Rande in Reutlingen. Eine Gemeinschaftsproduktion von BAFF (Bildung, Aktion, Freizeit, Feste) Reutlingen, Württembergische Philharmonie Reutlingen, Experimentalorchester Halle 016, Fakultät für Sonderpädagogik der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg / Reutlingen, Netzwerk Süd / Musik der Jahrhunderte Stuttgart. Mit Unterstützung durch den Freundeskreis Württembergische Philharmonie e.V. und das Netzwerk Neue Musik, ein Förderprojekt der Kulturstiftung des Bundes.

"Eine einmalige Sache, weil hier nicht die Klassik-Profis, sondern geistig behinderte Musiker den Ton angeben." (Südwest-Presse)

"Ein abwechslungsreiches, bezauberndes, amüsantes und berührendes Stück Musiktheater (...) Eine kleine Utopie, ein Stück richtiges Leben im falschen." (Reutlinger Nachrichten)

Musiker der Württembergischen Philharmonie Reutlingen haben individuelle Patenschaften für geistig behinderte Musiker und Darsteller übernommen. Im Verlauf mehrere Monate entsteht in regelmäßigen Begegnungen das Material für eine poetische Musiktheater-Revue.

Accompagnato erhielt 2009 den erstmals ausgelobten Preis für kulturelle Bildung des Kulturstaatsministers. Der Filmemacher Alexander K. Müller hat das Projekt in einem gleichnamigen Film dokumentiert.

Preis des Kulturstaatsministers
Ausührlicher Programmtext
Mitwirkende
Pressestimmen

 

Aktuell: Accompagnato - der Film

Als der Filmemacher Alexander K. Müller Anfang 2008 in einer der ersten Proben vorbeischaute, um einige Bilder für einen Festival-Werbespot aufzunehmen, war er von der Arbeit so fasziniert, dass er fortan aus freien Stücken das gesamte Projekt mit der Kamera begleitete und so im Lauf der Zeit selbst ein fester Teil des Ensembles wurde.
2009 erhielt die Württembergische Philharmonie Reutlingen für Accompagnato den erstmals ausgeschriebenen Bundespreis für kulturelle Bildung; mit Hilfe des Preisgeldes konnte nun aus dem während der Proben entstandenen Material ein Dokumentarfilm fertig gestellt werden.

 

 

 

Der Film "Accompagnato-Die Kunst des Begleitens" ist auf DVD erhätlich (15,- inkl. Versandkosten) und kann beim Büro für Konzertpädagogik bestellt werden. Zur Kontaktaufnahme: Schicken Sie eine Mail mit der gewünschten Stückzahl und Ihrer Postanschrift an dvd(äd)konzertpaedagogik.de.

Weitere Informationen zum Film unter www.accompagnato.eu.

Filmbestellung für Schulen und Bildungseinrichtungen mit Verleih- und Vorführrechten auf www.filmsortiment.de.

 

 

 

Preis für Kulturelle Bildung des Kulturstaatsministers

Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat am 9. Juni 2009 in der Stiftung Genshagen seinen erstmals ausgelobten Preis für kulturelle Bildungsprojekte verliehen.
Der Preis richtete sich an Projekte von Theatern, Chören und Orchestern sowie von Museen, Galerien, Literaturhäusern, Bibliotheken und freien Gruppen. Vorschlagsberechtigt waren Bund, Länder und Kommunen sowie verschiedene Dachverbände, insgesamt wurden mehr als 80 Vorschläge eingereicht.
Eine unabhängige Fachjury unter dem Dach der Stiftung Genshagen empfahl, drei erste Preise zu vergeben, die mit jeweils 20.000 Euro dotiert sind. Unter den drei preisgekrönten Institutionen befand sich auch die Württembergische Philharmonie Reutlingen mit ACCOMPAGNATO - DIE KUNST DES BEGLEITENS. Zwei weitere Hauptpreise gingen an das Thalia Theater Halle und an das Überseemuseum Bremen. In der Begründung der Jury hieß es unter anderem:

"Das Projekt der Württembergischen Philharmonie Reutlingen (...) ist bundesweit vorbildlich, da es eine exemplarische künstlerische Zusammenarbeit zwischen geistig behinderten Künstler-Solisten und professionellen Orchestermusikern zum Ziel hatte. Diese Form des Zusammenarbeit mit behinderten Akteuren in der klassischen Orchesterlandschaft hat es bisher noch nicht gegeben.
Das Projekt ist erfolgreich realisiert worden, indem geistig behinderte Solsistinnen und Solisten mit einem Begleitensemble aus professsionellen Orchestermusikern über mehr als ein halbes Jahr hinweg zusammentrafen (...) und zum Abschluss im Frühsommer 2008 zwei Konzerte in Reutlingen und Stuttgart stattfanden, die von Publikum und Presse begeistert gefeiert wurden.
Es ist nachhaltig, nicht zuletzt wegen einer gründlichen Dokumentation und Evaluation aller Arbeitsschritte, einerseits durch Studierende der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg/Reutlingen, andererseits durch einen freien Filmemacher.
Das Projekt ist innovativ, weil sich die Akteure in einem offenen und durchaus riskanten Arbeitsprozess auf eine Gegenseitigkeit eingelassen haben. (...)
Und es räumt einer bislang unterrepräsentierten Zielgruppe einen besonderen Stellenwert ein, indem es geistig behinderte Musikerinnen und Musikern in ein Projekt einbindet und sie dort als gleichberechtigte Kolleginnen und Kollegen ernst nimmt."

 

Accompagnato: Programmtext

Das hat es in der deutschen Orchesterlandschaft noch nicht gegeben: Musikerinnen und Musiker eines klassischen Sinfonieorchesters treffen sich über mehrere Monate hinweg regelmäßig mit geistig behinderten Musikern, Schauspielerinnen, Dichtern und Performerinnen. Die Orchestermusiker horchen sich ein in unnachahmliche Stimmen und suchen nach passenden Tönen zu höchst individuellen Ausdrucksformen. Kurzum: sie üben sich in einer Kunst, die zwar jedem Musiker geläufig ist, die aber selten so intensiv praktiziert wird wie hier – die Kunst des Begleitens.

Der Komponist und Interaktionskünstler Bernhard König leitete diese abenteuerliche Begegnung an und entwickelte gemeinsam mit allen Akteuren eine Originalkomposition, die viele eigene Einfälle und Improvisationen der Mitwirkenden aufgriff und sich ganz in den Dienst der Solisten und ihrer besonderen Fähigkeiten und Ausdrucksqualitäten stellte.

Am Ende dieses intensiven Dialogs steht eine Musik, die zwischen Revue, Konzert und experimentellem Musiktheater schillert – maßgeblich geprägt von den geistig behinderten Solistinnen und Solisten, ihrer ungebremsten Musikalität, ihrer überschäumenden Phantasie und ihren sperrigen Einfällen. Ein Konzertspektakel mit Zirkusartisten, Liebesliedern und Schamanengesängen, mit einer launischen Königin und einem Klaviervirtuosen, der keine Noten braucht.

 

Accompagnato: Die Mitwirkenden

 

Württembergische Philharmonie Reutlingen

(Intendant: Cornelius Grube)

Matthias Buck: Violine
Frank Bunselmeyer: Klarinetten
Günter Fischer: Kontrabass
Dennis Jäckel: Oboe
Mariette Leners: Violine
Rüdiger Müller-Nübling: Viola
Klaus Pietsch: Horn
Justus Ruhrberg: Pauke, Schlagzeug
Ira Wallet: Viola
Virginie Wong: Violine
Jane Wright: Horn

BAFF (Bildung, Aktion, Freizeit, Feste) Reutlingen

(Projektkoordination: Rosemarie Henes)

Harald Beck: „Zirkusdirektor“
Christine Frohnert: Percussion, Tanz
Siegbert Haußmann: Dirigent, Melodika, Fidel
Andreas Höhne: Viola
Conny Hoffmann-Kuhnt: Trompete, Indianertrommel
Jürgen Klein: Klavier
Sabrina Miltz: Gesang und Tanz
Sigrid Müller: Didgeridoo, Gesang
Lothar Ruopp: Percussion
Dorothea Scheffer: Gesang und Tanz
Siegfried Stoll: Textbeiträge, Rezitation
Stefanie Weiss: „Königin“

Experimentalorchester Halle 016 der BruderhausDiakonie Reutlingen

(Leitung: Johannes Joliet)
Christian Bartel, Christine Frohnert, Monika Haueisen, Jürgen Klein, Sabine Koch, Mike Lehmann, Konrad Lukas, Sigrid Müller, Hannelore Schmieder-Stoll, Siegfried Stoll

Fakultät für Sonderpädagogik der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg/Reutlingen

(Projektkoordination: Prof. Elisabeth Braun)
Simon Bierhals, Taner Elseven, Marion Falkenau, Tobias Janotta, Susanne Leitner, Markus Raichle, Simon Steffen, Katharina Winkler

Dokumentation:

Alexander Müller, media&more

Gesamtleitung:

Bernhard König: Komposition und künstlerische Leitung
Christian Zech: Projektassistenz und Co-Regie

 

 

Accompagnato: Presse

„Die Produktion von Württembergischer Philharmonie Reutlingen, Kultur vom Rande und dem Netzwerk Süd hielt eine Stunde lang das knallvoll besetzte Zelt in Atem. Zarte Duette gab es da und donnernde Klaviersalven, kokette Auftritte und feinfühlige Klangforschungen. Eine mitreißende Collage von Szenen zog vorüber. Sie erzählten vom Spaß am Rollenspiel, von der Lust am Tönen und immer wieder vom menschlichen Miteinander.“

(Reutlinger General-Anzeiger, 5. Juni 2008)

 

Das Ergebnis ist sensationell. Schräg, witzig, melancholisch, verrückt – und noch viel mehr.“

(Südwest-Presse Ulm, 5. Juni 2008)

 

„Enorm spannungsgeladene Duette (...) umwerfend komisch (...) überschäumende Lust am Klangspiel (...) staunenswert nuancenreich“

(Schwäbisches Tagblatt Tübingen, 5. Juni 2008)

 

Die Aneinanderreihung pantomimischer Szenen – manchmal revuehaft, manchmal solistisch und introvertiert – geriet manchmal befreiend humorvoll, zuweilen aber auch beängstigend expressiv.

(Stuttgarter Nachrichten, 26. Juni 2008)

 

Die Kunst des Begleitens hat sich im Dialog mit den behinderten und nicht behinderten Akteuren zu einem intensiven Miteinander entwickelt, dessen musikalische und theatralische Impulse sich aus den individuellen Fähigkeiten der Performer entwickelten. Jenseits aller Peinlichkeit hatte diese Revue eine enorme Vitalität und Präsenz aller Mitwirkenden, deren Spaß am gemeinsamen Spiel ganz spürbar war. Und die Sprache der Musik kannte keine Grenzen zwischen „Neuem“ und „Altem“, war authentisch und stimmig in jeder Aktion.

(Esslinger Zeitung, 26. Juni 2008)

 

Was dabei herauskommt, wird viel eher als manch andere Komposition dem Anspruch gerecht, neue, unerhörte Klänge in den Konzertsaal zu tragen. Ob eine Chansoneuse herrlich schräge an den Begleitakkorden entlang eiert, ein Cellist auf einem rechteckigen Kasten nur leere Saiten anstreicht oder ein Prophet in weißem Gewand in breitestem Schwäbisch das Publikum anspricht: Gerade die Abweichungen von den Klangidealen des Konzertsaals öffnen buchstäblich die Wahrnehmung für die ganz andere Welt der Behinderten.

(neue musikzeitung, September 2008, S. 37)

Schon der Einzug der Gladiatoren macht Laune. Die 30-köpfige Truppe läuft stilvoll im Zelt ein - jeweils ein Philharmoniker und ein behinderter Musiker Hand in Hand: "Die Kunst des Begleitens" wird als Paar-Polonaise vorgeführt. Es folgt eine zirzensische Musikrevue. Jede Nummer erzählt eine eigene Geschichte: eine tolle Show in der Zeltarena. Mit allem Drum und Dran - Theater, Musik, Tanz. Mit viel Seele und ein bisschen Magie.
Der 41-jährige Komponist Bernhard König hat dazu eine postmodern-vielfältige Musik geschrieben: modern und doch irgendwie eingängig, experimentell und stellenweise ziemlich schmissig. König war einst Schüler des obersten Musik-Humoristen der Moderne, Mauricio Kagel - und das hört man. Er ist Konzertpädagoge, hat Erfahrung mit integrativen Projekten und leitet auch das Reutlinger Projekt "Accompagnato" mit ansteckender Spielfreude, streckenweise schon mal nebenher vom Flügel aus.
Das rundum abenteuerlich schräge, witzige, aber auch besinnliche 90-Minuten-Spektakel vermittelt Zirkusatmosphäre. Um die Spannung anzuheizen, gibts ab und zu einen Trommelwirbel wie bei "Salto mortale". Und manchmal geht es richtig artistisch zu: Irgendwann nämlich schleppen zwei Männer eine furchtbar schwere Gewichtheber-Hantel in die Arena - die dann der Zirkusdirektor kurz eben mal hochstemmt, als wäre sie aus Papier: kleiner optischer Täuschungs-Gag am Rande.
Aber in der Hauptsache wird Musiktheater gemacht. Und wie! Die Philharmoniker lassen den geistig behinderten Musikern den Vortritt, ihnen nämlich gehört diese Show. Den Bluesgesang einer jungen Lady unterlegen die Orchesterprofis mit diskret swingendem Jazzballaden-Sound. Dann wieder gibt ein Cellist mit Handicap melancholische Quinten vor, um die herum eine Profimusikerin auf der Violine allerschönste Tongirlanden windet.
Dann Auftritt Pianist: Der verschafft sich zunächst mit wildem Freejazz-Tastendonner Respekt, bevor er mit feinen, leisen, bizarr-poetischen Klängen genauso Aufsehen erregt. Ein Eintontrompeter tritt auf, der Zirkusdirektor bringt einen rockigen Lovesong, und eine Prinzessin singt, umtänzelt von einem kunstvoll fiedelnden Hofnarren. Faszinierende Schamanengesänge ertönen, und ein Guru in weißem Gewand sagt: "Musik ist Leben - Spaß macht Musik."
Bei aller Turbulenz bietet die Show nicht bloß einfach gute Laune und eitel Sonnenschein nonstop, sondern auch stillere Augenblicke. Momente, in denen ein gespenstischer Walzer durch die Arena geistert. Momente, in denen das Orchester ein melancholisches Adagio anstimmt. Momente, in denen die Zeit stillzustehen scheint.
König versteht es glänzend, all diese Elemente zu einem beachtlichen Gesamtkunstwerk zusammenzuführen. Stilistisch herrscht toleranter Pluralismus: Weillscher Chansonstil und dezenter Swing, moderate Moderne und rockiger Sound wechseln sich elegant ab.
Kurz, die "Kunst des Begleitens" ist ein abwechslungsreiches, bezauberndes, amüsantes und berührendes Stück Musiktheater geworden. Und das landläufige Vorurteil, neue, experimentierfreudige Musik sei nur etwas für Spezialisten, löst sich während der Show in Luft auf. Umgekehrt ists richtig: Gerade in der offenen Atmosphäre einer stilistisch flexiblen Musik, einer Musik, die auch riskante Klänge und improvisatorische Freiheiten toleriert, können Nicht-Spezialisten erstaunliche Fähigkeiten entwickeln.
So erwies sich die "Kunst des Begleitens" - sprich: die Kunst des Aufeinander-Hörens, des gegenseitigen Förderns, des kreativen Zusammenspiels - als eine kleine Utopie, ein Stück richtiges Leben im falschen. Und das ist sehr, sehr viel.

(Otto Paul Burkhardt in: Reutlinger Nachrichten, 5. Juni 2008)

(Esther Anne Adrian in: NMZ, 7/2014)