Gesucht: Interreligiöse/r Stadtteilkantor/in

Musik für Mümmel (2016)

Ein Projekt des Trimum e.V. und der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Hamburg-Mümmelmannsberg. in Kooperation mit der Stadtteilkonferenz Mümmelmannsberg und zahlreichen örtlichen Akteuren. Öffentliche Präsentation am 15. September 2016, 14.30h im Evangelischen Gemeindezentrum Hamburg-Mümmelmannsberg, Havighorster Redder 50.

Vier Grundschulklassen texten, komponieren und arrangieren einen Song über ihren Stadtteil. In einer nachmittäglichen Kinderdisco betätigen sie sich spontan als Multiplikatoren und bringen weiteren Gleichaltrigen den Refrain ihres Songs bei. Eine weitere Grundschulklasse erarbeitet ein musikalisches Rahmenprogramm für das Sommerfest des benachbarten Altenheims. Mit alten Seemannsliedern, aber auch mit einem vokalen Gruselhörspiel und einem Fußball-Rap animieren sie die dort wohnenden Senioren zum Mitsingen, -tanzen und –improvisieren.

(Fotos: Gisela Lorenzen)

Christliche und muslimische Teenager schreiben – inmitten einer Zeit, die Tag zu Tag schrillere Schlagzeilen zum Thema „Islam“ produziert – ein Lied über ihre Vision von Religionsfrieden: "Sich wegen Religionen zu hassen ist gegen jede Religion!". Bereits zwei Tage später präsentieren sie es auf der Open-Air-Bühne eines „internationalen Freundschaftsfestes“. Aus Chorsängerinnen der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde und Vertretern der benachbarten Moscheegemeinde formiert sich ein spontaner Projektchor, der mit Liedern und Rezitationen ein interreligiöses Friedensgebet gestaltet. Auch der Imam der Moscheegemeinde singt in diesem Chor mit.

Ein Ergebnis vieler Monate Arbeit? Oh nein: Vordergründig betrachtet entstand dies alles in einer knappen Woche. Ganze sechs Tage standen dem Autor dieses Berichts zu Verfügung, um die musikalischen Ressourcen des Stadtteils zu erkunden und im Dialog nit seinen Bewohnern Ideen zu sammeln, Konzepte zu entwickeln, Songs zu schreiben und einzustudieren. Fast 500 Kinder, Jugendliche und Senioren sind in dieser kurzen Zeitspanne als Zuhörer oder aktiv Mitwirkende mit dem Musikprojekt in Berührung gekommen; Schulleiter und Jugendarbeiter, Vertreter der christlichen und islamischen Gemeinde äußern den Wunsch, die Arbeit fortzuführen.
Als Komponist, Konzertpädagoge und „Interaktionskünstler“ habe ich mich in den zurückliegenden zwanzig Jahren in zahllosen Projekten in ganz Deutschland an interkulturellen und intergenerationellen Begegnungen mit musikalischen Mitteln abgearbeitet. Doch so leicht wie in diesen sechs Tagen ging mir die Arbeit selten von der Hand. Wo ich andernorts mühsame Aufbau-, Vernetzungs- und Überzeugungsarbeit leisten müsste, treffe ich hier auf offene Türen, große Mitwirkungsbereitschaft und einen überaus fruchtbaren, bereiteten Boden: Die Arbeit kann sofort losgehen.
Und vielleicht sollte auch dies nicht unerwähnt bleiben: Schauplatz des Ganzen ist kein „gutbürgerlicher“ oder „akademischer“ Stadtteil mit humanistischem Gymnasium und gut besuchter Jugendmusikschule, sondern ein sogenannter „sozialer Brennpunkt“. Mümmelmannsberg ist eine Hamburger Großsiedlung mit rund 19.000 Einwohnern. Rund 60% der Einwohner haben einen Migrationshintergrund; in den beiden örtlichen Grundschulen beträgt der Anteil über 90%. Die Siedlung ist vom restlichen Hamburg stark abgekoppelt.

Der Stadtteil

Mümmelmannsberg ist eine Hamburger Großsiedlung mit rund 19.000 Einwohnern. Viele der Menschen hier leben von Hartz 4, rund 60% der Einwohner haben einen Migrationshintergrund. In den beiden örtlichen Grundschulen beträgt der Anteil sgoar über 90%. Die Siedlung ist vom restlichen Hamburg stark abgekoppelt. Er wird vergleichsweise selten von außen aufgesucht; umgekehrt verlassen viele Bewohnerinnen und Bewohner die Siedlung nur selten, was durch die verdichtete Infrastruktur vor Ort (auf engem Raum finden sich alle nötigen Läden, Arztpraxen, Bildungs- und Sozialeinrichtungen) begünstigt wird. Doch genau hierin dürfte eine erste Erklärung für das reibungslose Gelingen meiner Arbeit liegen: Eine Begegnung zwischen den Kulturen und Religionen muss in diesem „bunten“ und heterogenen Stadtteil nicht erst initiiert werden – sie findet ohnehin tagtäglich statt.

So hat sich – bei aller kulturellen und religiösen Vielfalt – bei vielen Bewohnern eine ausgeprägte Kiez-Identität entwickelt: Man empfindet sich nicht als Hamburgerin oder Hamburger, sondern versteht „Mümmel“ als einen eigenen, in sich geschlossenen Heimatort. Wo andernorts zum Sommerfest die Feuerwehrkapelle aufspielt, wird das kulturelle Rahmenprogramm hier bereits seit vielen Jahren und mit großer Selbstverständlichkeit von Tanz- und Musikgruppen aus aller Welt geliefert.
Im (gemessen am heutigen, realen Bevölkerungsanteil evangelischer Christen) deutlich überdimensioniert evangelischen Gemeindezentrum hat längst eine sehr pragmatische Form von Interreligiosität Einzug genommen: Die Räumlichkeiten des Gemeindezentrums dienen unter anderem als Essens-Ausgabestelle der örtlichen TAFEL, als Treffpunkt muslimischer Frauen, die hier einmal wöchentlich gemeinsam im Koran lesen oder als überkonfessioneller Betreuungsort für Vorschulkinder.
Ob in den örtlichen Schulen und Kindergärten, im „Haus der Jugend“ oder in der vielfältige aktiven „Elternschule“ – in allen Institutionen dieses Stadtteils begegnet man gelebter Interkulturalität. Wozu dann überhaupt noch ein eigenes, interreligiöses und interkulturelles Musikprojekt?

Die Idee und ihre Vorgeschichte

Stephan Thieme ist seit Anfang 2015 Pastor der Ev.-Luth. Kirche in Steinbek, Bezirk Mümmelmannsberg. Im Verlauf seiner Antrittsbesuche in den (überwiegend nichtkonfessionellen) Schulen, Kindergärten und Sozialeinrichtungen empfand er den Bezirk in religiöser Hinsicht als unterversorgt – auch und gerade dann, wenn man Religion nicht als Konfessionszugehörigkeit definiert, sondern als gemeinsame Auseinandersetzung mit tiefergehenden, existentiellen, geistigen und geistlichen Fragen des Lebens. Wenig später lernte er im Rahmen des Deutschen Evangelischen Kirchentags 2015 in Stuttgart den Ansatz von Trimum kennen: Die gemeinsame, religionsübergreifende Suche nach neuen Liedern, Kompositionen und Veranstaltungsformaten für die interreligiöse Begegnung.
Die Begegnung mit Trimum weckte bei Pastor Thieme die Frage, ob dieser Ansatz nicht auch auf einen Bezirk wie Mümmelmannsberg übertragbar sei. Aber lässt sich der Ansatz eines theologisch fundierten interreligiösen Singens und Musizierens auch auf die Bedingungen eines Stadtteils mit geringerem Bildungsniveau und einer stark migrantischen Bevölkerung übertragen?
So erfand Stephan Thieme kurzerhand ein gänzlich neues, bislang noch undefiniertes Berufsbildes: Den „Interreligiösen Stadtteilkantor“. Unser gegenwärtiges Projekt versteht sich als praktisch-musikalische Feldforschung und als ein erster, sondierender Schritt hin zu diesem neuen Zukunftsberuf: Was könnte das überhaupt sein, ein „interreligiöser Stadtteilkantor“ oder eine „interregiöse Stadtteilkantorin“?

Ein Zukunftsberuf?

Normalerweise ist der Begriff „Kantor“ an eine eindeutige Religionszugehörigkeit geknüpft. Ein christlicher oder jüdischer Kantor ist Experte für die liturgischen und musikalischen Traditionen seiner Religion und ist für deren örtliche Pflege, Fortführung und behutsame Weiterentwicklung zuständig. Ein oder eine „interreligiöse“ Kantor(in) scheint deshalb zunächst ein Widerspruch in sich zu sein.
Doch Kantorinnen und Kantoren erfüllen neben ihrer Eigenschaft als religiöse Repräsentanten auch viele andere wichtige Funktionen. Sie tragen zur Gestaltung zentraler Feiern und Anlässe bei, die eine hohe symbolische Bedeutung haben: Von Initiationsfesten wie der Taufe, Beschneidung, Einschulung oder Erstkommunion über die Hochzeit bis zur Beerdigung. Sie begleiten eine Gemeinde durch das Jahr und geben ihrem Gedenken, ihrem Dank, ihren existentiellen Fragen und ihrer Selbstvergewisserung als zusammenhgehörige Gemeinschaft einen klingenden Ausdruck. Häufig leisten sie auch eine langfristige musikalisch-pädagogische Aufbauarbeit, etwa in Form von regelmäßigen Chorangeboten für unterschiedliche Altersgruppen. Die besondere Nachhaltigkeit dieser Aufbauarbeit liegt darin begründet, dass die Beziehung zwischen dem Kantor und seiner Gemeinde in Idealfall langfristig und generationsübergreifend ausgerichtet ist und deshalb über mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg kontinuierlich aufgebaut werden kann – im Gegensatz etwa zu einem Erzieher, einer schulischen Musiklehrerin oder einem projektbezogen arbeitenden Musikvermittler, deren Arbeit per se in deutlich kürzeren Zyklen verläuft.
Mümmelmannsberg ist in den 70er Jahren am Reißbrett entstanden – und so gab es zunächst keine traditionell gewachsenen Strukturen (Kneipen, Volksfeste, Wochenmärkte oder ähnliches), in denen ein kulturelles Leben angesiedelt und weiterentwickelt werden könnte. So hat sich die stark ausgeprägte Stadtteil-Identität zwar immer wieder in gezielten kulturellen Aktivitäten und Interessengemeinschaften ausdrücken können – beispielsweise in einer Stadtteilzeitung, einer Fotogruppe, einer Frauenmalgruppe oder in regelmäßigen kunsthandwerklichen Gemeinschaftsausstellungen und Offenen Ateliers. Was es aber vor Ort so gut wie gar nicht gibt, ist jene Form von lebendiger und identitätsstiftender „Gemeindekultur“, wie sie sich andernorts gerade im Umfeld religiöser Gemeinschaften oder kulturell homogener Communities bildet: Gemeinsame Rituale, Feste und Feiern, in denen ein bereits vorhandenes Gemeinschaftsgefühl zelebriert, kulturell geformt und sinnlich erlebt werden kann und in denen Musik häufig eine zentrale Rolle spielt.
Bei der von uns anvisierten Neuschöpfung eines „Interreligiösen Stadtteilkantors“ kommt zu diesen angestammten Aufgaben noch eine weitere, sehr ungewöhnliche und zentrale Anforderung hinzu: Nicht nur das Berufsbild wäre neu zu erfinden, sondern zugleich auch seine musikalischen Inhalte.

Musik für einen vielstimmigen Stadtteil

Wie muss eine Musik beschaffen sein, die diesem vielstimmigen Wir-Gefühl eine Stimme gibt? Wie kann Musik zu einer stimmigen Balance zwischen Gemeinschaftsgefühl und kultureller Eigenart beitragen? Wie kann sie wichtigen örtlichen Themen eine Stimme geben? Und wie kann sie insbesondere dort beschaffen sein, wo es um zentrale Lebensfeste und existentielle Themen geht – vom Schulanfang über die Hochzeit bis zur Beerdigung?
In einem Stadtteil, in dem Menschen aus über hundert Nationen auf engem Raum beieinander leben, dürfen all diese Fragen nicht einseitig von einer bestimmten Religion oder einem vorgegebenen Kulturverständnis her gedacht werden.

Anders als beim herkömmlichen Kantorenamt gäbe es für diese Aufgabe weder den Bezugspunkt eines gemeinsamen Glaubens, gemeinsamer religiöser Feste oder einer gemeinsamen Theologie, noch würde diese neu enstehende „Gemeinde“ auf musikalischer Ebene bereits über ein gewachsenes und verbindendes Lieder- und Formenrepertoire verfügen, aus dem sie schöpfen und an das sie anknüpfen könnte.
Unser Vorhaben hat sich deshalb nicht nur grundlegend vom herkömmlichen, konfessionell definierten Kantorenamt zu unterscheiden, sondern auch von jenen kulturellen Partizipationsangeboten, die in wachsendem Maße von großen Institutionen der musikalischen „Hochkultur“ an Stadtteile wie Mümmelmannsberg herangetragen werden. Das Selbstverständnis des Stadtteilkantors oder der Stadtteilkantorin dürfte in keiner Weise – weder religiös noch kulturell – „missionarisch“ sein. Stattdessen müsste sich ein solches Amt radikal in den Dienst der Menschen vor Ort und ihrer kulturellen Bedürfnisse stellen.

Aus diesem Grund verstehen wir unser Projekt als experimentell-forschende Vorstufe und Grundlage einer genaueren Berufsbeschreibung. Die Frage, die wir in diesem musikalischen Feldversuch zu stellen versuchen, lässt sich sehr kurz und knapp zusammenfassen. Sie lautet: „Welche Musik braucht dieser Stadtteil?“.

Abschlusskonzert "Interreligiöser Stadtteilkantor 2016"

Ein doppeltes Zeichen des Miteinanders setzt der Hamburger Stadtteil Mümmelmannsberg am 15.9.2016. Der „Engel der Kulturen“ kommt – und wird von Juden, Christen und Muslimen, Kindern Jugendlichen und Erwachsenen mit interreligiösem Gesang begrüßt.

Das internationale Kunstprojekt Engel der Kulturen vereint die drei Symbole der abrahamitischen Religionen, Kreuz, Davidstern und Halbmond, zu einem bleibenden Wahrzeichen für ein friedliches Zusammenleben aller Religionen. Am Vormittag des 15.9. wandert die Skulptur durch den Stadtteil, wird an verschiedenen Stationen von den Menschen begrüßt und anschließend als Bodenintarsie auf dem Platz vor dem Evangelischen Gemeindezentrum verlegt. „Wir leben in einer Welt. Wir lassen einander zu und geben uns Raum zur Entfaltung. Wir sind einander verbunden und werden nur gemeinsam und friedlich die Zukunft gestalten können“, so Gregor Merten, der gemeinsam mit Carmen Dietrich das Symbol „Engel der Kulturen“ gestaltet hat. Die Bodenintarsie findet sich bereits in Istanbul, in Sarajewo, in Brüssel und an vielen weiteren Orten. Demnächst auch in Jerusalem – und sehr bald schon in „Mümmel“.

Im Anschluss an die Verlegung der Bodenintarsie findet ab 14.30h im Ev.-Luth. Gemeindezentrum das Abschlusskonzert des Projektes "Interreligiöser Stadtteilkantor 2016" statt.

Mitwirkende
Bewohner/innen des AWO-Seniorenheims Haus Billetal
Frauenchor „Mümmeldeerns (Ltg.: Christiane Beetz)
Klassen 2b, 2e und 3a der Grundschule Mümmelmannsberg (Kerstin Lipke)
Klasse 3c der Grundschule Rahewinkel (Leila Pietryga)
Klasse 4a der Grundschule Rahewinkel (Mareike Hänsch)
Marcella Adler und Ayisa Cardak, Gesang

Gastmusiker Trimum-Ensemble
Serap Ermis, Gesang
Assaf Levitin, Gesang
Alon Wallach, Gitarre

Kooperationspartner
Elternschule Mümmelmannsberg
Evangelische Studierendengemeinde Hamburg
Evangelisch-Lutherisches Gemeindezentrum Mümmelmannsberg
Grundschule Rahewinkel
Haus der Jugend Mümmelmannsberg
Integrative Grundschule Mümmelmannsberg
Liberale Jüdische Gemeinde Hamburg
Seniorenheim AWO, Haus Billetal
Stadtteilkonferenz Mümmelmannsberg
Sultan Ahmet Camii-Moschee Billstedt
Zentrum für Mission und Ökumene der Evangelischen Kirche in Hamburg

Gesamtleitung

Stephan Thieme und Christiane Beetz, Projektleitung
Bernhard König, künstlerische Leitung

 

Förderer

Das Projekt „Interreligiöser Stadtteilkantor 2016“ wird gefördert von: Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) und der Stiftung Stuttgarter Lehrhaus sowie von Trimum aus Mitteln des BKM-Preises Kulturelle Bildung 2016.