Exklusive Musik (2017)

Plädoyer für eine Ästhetik des Eigenartigen

Abdruck in: Verband deutscher Musikschulen (Hrsg.): Spektrum Inklusion. Wir sind dabei! Wege zur Entwicklung inklusiver Musikschulen, 2017, 376 Seiten mit vielen farbigen Abbildungen, 28,– € inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten, ISBN: 978-3-925574-88-7.

Leseprobe:

Schweißnasse Hände, heftiges Herzklopfen, verstohlen-besorgte Seitenblicke auf die neben mir sitzenden Seniorinnen und Senioren: Wird die weißhaarige Dame zu meiner Linken endlich an sich halten und schweigen? Wird der Herr zu meiner Rechten ihr einen erneuten tadelnden Blick zuwerfen? Wird er wütend zischen, wird es am Ende vielleicht gar zu einem hochnotpeinlichen Eklat kommen? Zum Abbruch des Konzertes?

Klassische Konzerte sind kein Ort für Inklusion. Die adäquate Wiedergabe und Interpretation klassischer Musik erfordert ein ganzes Bündel von teils angeborenen, teils in jahrelangem Training erworbenen Fähigkeiten. Wenn sie von Menschen gespielt wird, die über diese Fähigkeiten nicht oder nur sehr eingeschränkt verfügen, klingt sie schlecht. Eine einzige unfähige Instrumentalistin, ein einziger intonationsschwacher Sänger können die Qualität eines vielköpfigen Ensembles deutlich mindern oder komplett zerstören. Auf der Ebene ihrer öffentlichen Rezeption erfordert klassische Musik die Bereitschaft zur Hingabe und Konzentration, die Fähigkeit zum sublimierten Genuss, vor allem aber ein hohes Maß an antrainierter Affektdämpfung. Mitsingen, Tanzen, rhythmisches Klatschen sind im Konzertsaal tabu. Wer bestehen will, muss stillsitzen können.

Der Herr zu meiner Rechten weiß das. Sitzt, schweigt und lauscht. Er wirkt routiniert, vielleicht ist er ein Stammkunde dieser nachmittäglichen Kammermusikreihe, die regelmäßig an die hundert Klassik-Fans anlockt. Bei der Sitznachbarin zu meiner Linken hingegen kann ich mir nicht sicher sein, ob sie die Kulturtechnik des Stillsitzens nicht längst verlernt hat. Sie befindet sich im fortgeschrittenen Stadium einer Demenz und ich muss jeden Moment mit unbeherrschten Kommentaren und Reaktionen rechnen, mit lautstarken Beifalls- oder Missbilligungsäußerungen, ohne Rücksicht auf die Musik und auf das Konzentrationsbe-dürfnis der anderen Hörerinnen und Hörer. Und obwohl ich das gewusst (und meinerseits die Norm des konzertanten Stillsitzens von klein auf tief verinnerlicht) habe, bin ich selber es, der die Dame ins Konzert eingeladen und mitgenommen hat – und der nun, ohne meinerseits lautstark reagieren, weglaufen, meinen Schützling deutlich zur Ruhe weisen zu können, unter Dauerstress steht. Das Ergebnis: Schwitzige Hände und Herzklopfen.

Ganz vordergründig frage ich mich in diesem Moment: Was tue ich meiner Begleiterin, den anderen Konzertbesuchern und mir selbst hier eigentlich gerade an? Und irgendwo im Hintergrund schwingt die grundsätzliche Frage mit: Ist eine solche Partizipation überhaupt wünschenswert? Wie sinnvoll ist es, im klassischen Konzertsaal – sei es auf der Bühne, sei es im Auditorium – Inklusion anzustreben?

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