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FRAGEN UND LEITLINIEN

Mein beruflicher Kompass

Wo wird Musik gebraucht? Was kann sie bewirken? Kann sie überhaupt eine gesellschaftliche Wirkung, einen außermusikalischen Nutzen entfalten, ohne sich zu verraten? Ohne entweder käuflich und manipulativ zu werden – oder naiv und künstlerisch irrelevant?
Das sind die zentralen Fragen, die ich seit Mitte der 1990er Jahre in meiner Arbeit verfolge. Meinen Ansatz bezeichne ich als „experimentelle Gebrauchsmusik“.

Musik wofür? – Experimentelle Gebrauchsmusik

„Experimentelle Gebrauchsmusik“ – das bedeutet für mich, aktiv nach außermusikalischen Anlässen und Funktionen für meine Musik zu suchen. Gezielt zu fragen: Wo in dieser Gesellschaft wird eine Musik gebraucht, die es derzeit noch nicht gibt? Und mich dann, gemeinsam mit anderen, auf die Suche danach zu machen, wie eine solche Musik beschaffen sein, wie sie klingen und wo sie verortet sein könnte.

Wozucollage

Musik für eine gemeinsame Sache
Im vergangenen Jahrhundert schieden sich am Thema „Gebrauchsmusik“ die Geister. Viele jener Komponist*innen, die ihre Arbeit als Kunst verstanden, empfanden den Gedanken einer „dienenden“ Musik als hoch problematisch: Als Verrat an künstlerischer Autonomie und – dort, wo Musik im Hintergrund unterschwellig wirksam bleibt – als Bevormundung und Manipulation der Hörer*innen.
Diese Haltung hatte ihre guten historischen Gründe. Ich verstehe und schätze sie, aber ich teile sie nicht. Gemessen an den vielen drängenden Fragen der Gegenwart erscheint mir die Frage nach der Originalität und künstlerischen Eigenständigkeit von Musik als eher zweitrangig. Lieber bringe ich mich in eine gemeinsame Sache ein, von der ich überzeugt genug bin, um ihr mein musikalisches Handwerk unterzuordnen. Diese gemeinsame Sache kann ein „großer“ gesellschaftlicher Wert wie die Inklusion oder der Klimaschutz sein – es kann aber auch eine kleine regionale Initiative, ein interkulturelles Dorffest, ein Moment der ungehinderten schulischen Lernfreude oder ein schöner Nachmittag im Hospiz sein.

Politische Musik?
Ich glaube nicht, dass Töne „politisch“ oder „unpolitisch“, „fortschrittlich“ oder „konservativ“ sein können. Aber ich glaube an die Kraft gemeinsam formulierter Ideen und Utopien oder gemeinsam erstrittener Kompromisse – und zwar durchaus auch künstlerischer Kompromisse. Musik wird in meinen Augen vor allem dann gesellschaftlich relevant, wenn sie Raum gibt, einander zuzuhören, sich und die eigenen Ideen zu artikulieren und in wechselseitige Resonanz zu bringen. Wenn sie Gelegenheiten schafft, Übereinstimmungen und Dissonanzen zu erleben und sich an Grenzen abzuarbeiten. Nicht jede Dissonanz muss aufgelöst werden: Ob am Ende formale Geschlossenheit, bunte Vielstimmigkeit oder ein deutlich konturiertes Nebeneinander stehen soll, wird gemeinsam ausgehandelt. Auf dem Weg zu dieser Entscheidung kann exemplarisch politisches Handeln eingeübt werden.

Anstiften und moderieren
Mein Verständnis vom Komponistenberuf hat sich im Lauf der Jahre immer weiter davon entfernt, den „Ton angeben zu wollen“. Wichtiger erscheint es mir, einander zuzuhören und gemeinsamen Anliegen eine Stimme zu geben. In vielen meiner Projekte wird Musik deshalb zum Medium einer Begegnung: Zwischen Alten und Jungen, Gläubigen und Andersgläubigen, Alteingesessenen und neu Zugezogenen. Zwischen Musiker*innen mit und ohne musikalische Berufsausbildung, gesicherten Aufenthaltsstatus oder geistige Beeinträchtigung. Im gemeinsamen Durchlaufen eines künstlerischen Prozesses erhalten Gemeinsamkeiten und Unterschiede eine Form. Fremdheit wird angstfrei erlebbar, Vertreter*innen verschiedener Welten und Geisteshaltungen werden zur wechselseitigen Auseinandersetzung angeregt. Horizonte erweitern sich – und oft sind am Ende neue Freundschaften entstanden.

Komponieren als Dialog

Ich versuche es zu vermeiden, mit konkreten Klangvorstellungen oder vorgefertigten formalen Ideen in ein Projekt hineinzugehen. Stattdessen versuche ich, möglichst offen für das zu bleiben, was geschieht. Musik entsteht dann im Verlauf eines gemeinsamen Prozesses und als Ergebnis einer gemeinsamen Suche.

Prozesscollage

Spielräume und Grenzen
Diese Suchbewegung kann durch vieles geprägt sein: Durch eine thematische Vorgabe, eine gemeinsame Recherche oder durch die besondern Aura und Geschichtlichkeit eines Raumes. Durch die vorgefundenen institutionellen, kulturellen und weltanschaulichen Spielräume und Grenzen. Durch das einzigartige Ausdruckspotential, die Fähigkeiten, Begabungen und Widerstände der Mitwirkenden.
Wo die Mitwirkenden Eigenes einbringen können und wollen, halte ich mich als Komponist gerne zurück. Lieber betätige ich mich an den Rändern: Überall dort, wo es darum geht, Unterschiede zu verdeutlichen, Übergänge zu gestalten, Lücken zu schließen, Sperrbezirke zu schützen und mitunter auch die eine oder andere Brücke zu bauen.

Die Kunst des kontinuierlichen Scheiterns
Scheitern ist dabei stets eine Option. Sich radikal auf einen ergebnisoffenen Prozess einzulassen, bedeutet zwangsläufig, dass man manchmal nicht weiter weiß oder sich in konzeptionelle Sackgassen verrennt. Misslungene Workshops, verunsicherte Mitwirkende oder ein zerstrittenes Ensemble sind im jeweiligen Einzelfall schmerzhafte Erfahrungen. Doch im Rückblick sind es oft solche Irrwege gewesen, die einen entscheidenden und langfristigen Lernprozess ermöglicht haben – erst recht in jenen Projekten, in denen völliges Neuland beschritten wurde. Hier glich die Arbeit mitunter einem langsamen Vorantasten von einem temporären Scheitern zum nächsten. Nur so ließ sich der Kompass des Denkbaren Schritt für Schritt um eine Landkarte des Machbaren ergänzen.

Flüchtigkeit als Qualität
Der prozessorientierte Ansatz bringt es mit sich, dass ein großer Teil meiner Arbeiten in einem Aggregatzustand des Flüchtigen verbleibt. Im Vergleich mit anderen Komponist*innen wirft mein Tun wenig Bleibendes in Form von Tonträgern, Konzertmitschnitten oder „nachspielbaren“ Partituren ab. Anfangs erschien mir dies als eine Schwäche meiner Arbeitsweise. Mittlerweile sehe ich es anders und empfinde es als eine ihrer wichtigsten Qualitäten.
Musik ist ein flüchtiges Medium. Dennoch sind wir umgeben von Musik, die jederzeit abrufbar und global verfügbar ist. Es erscheint mir als immer weniger erstrebenswert, diesem gewaltigen Reichtum und Überfluss überhaupt noch etwas hinzuzufügen. Stattdessen habe ich es vor dem Hintergrund allumfassender digitaler Verfügbarkeit zu schätzen gelernt, dass eine prozesshafte und dialogische Arbeitsweise häufig unwiederbringliche Momente im „Hier und Jetzt“ mit sich bringt.
Ich will und kann diese Momente nicht „festhalten“. Sinnvoller erscheint es mir, von gelungenen und misslungenen Projektverläufen zu erzählen und andere dazu einzuladen, sie selber zu initiieren oder mitzuerleben.

Öffentlichkeit? Und wenn ja, welche?
Eine öffentliche Aufführung oder Präsentation kann, muss aber nicht Teil dieses Prozesses sein. Ob sie krönender Abschluss oder gruppendynamisch gebotene Zwischenstation ist, ob sie die konzentrierte Fokussierung eines Konzertes für sich beansprucht oder sich den dramaturgischen Spielregeln einer Feier, einer Andacht, einer öffentlichen Kundgebung oder eines privaten Hausmusiknachmittages unterordnet – dies alles entscheidet der übergeordnete Kontext. Auch darüber, um welche Öffentlichkeit es gehen soll, wird von Fall zu Fall neu entschieden – oft besteht sie aus den Communities, Nachbar*innen, beruflichen Netzwerken oder Glaubensgemeinschaften der Mitwirkenden. Ich bin glücklich, auf diese Weise ein Publikum zu erreichen, in dem sich die ganze Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegelt.

Komponieren heißt: „Zusammensetzen“
Aus alledem ergibt sich ein variables Verständnis des Komponistenberufs, das sich mit jeder Arbeit und jedem Projekt neu erfinden muss: Komponieren mit veränderlichen Gewichtsanteilen. Je nach Thema und Zielgruppe steht mal ein musikalisches Produkt, mal ein gemeinsamer Prozess im Vordergrund; mal eine Suche und mal ein Ergebnis, mal die „Kunst“ und mal der Zweck, der die Mittel heiligt.
„Komponieren“ heißt auf deutsch „Zusammensetzen“. Komponieren als dialogischer Prozess, das kann bedeuten: Sich zusammen zu setzen. Genau hinzuhören. Ein wenig Eigenes hinzuerfinden. Und das Vorgefundene mit dem Hinzuerfundenen am Ende so zusammenzusetzen, dass etwas Neues, Stimmiges, Schönes und im besten Fall Relevantes entsteht.