schraege-musik.de

Sinfonie der Zwischentöne

Grautöne und Farbenrausch: Wie klingt seelische Gesundung?

Uraufführung am 5. April 2020, 19.00h im Pfalztheater Kaiserslautern. Wiederholungsaufführung am 9. April 2020.

In einer einzigartigen Kooperation zwischen dem Orchester des Pfalztheaters Kaiserslautern und dem Pfalzklinikum für Psychiatrie und Neurologie entsteht eine „Sinfonie der Zwischentöne“: Eine Gemeinschaftskomposition über seelische Erkrankung und Gesundung.

Sinfonie der Zwischentöne-01
Sinfonie der Zwischentöne-02
Sinfonie der Zwischentöne-03

Was hat ein „tanzender Koala“ mit der verführerisch-lockenden „Bleib-noch-liegen-Schlange“ zu tun? Wie gelangt man von der „schwarzen, verschlingenden Gefräßigkeit“ zur „weichen, gelben Wattewolke“? Oder, anders gefragt: Wie lassen sich Seelenzustände, die mit Worten kaum zu beschreiben sind, in Tönen darstellen?

Sinfonie der Zwischentöne-04
Sinfonie der Zwischentöne-05
Sinfonie der Zwischentöne-06

Mit dem achten Konzert seiner Reihe „Begegnungen“ greift das Orchester des Pfalztheaters ein Thema auf, das in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist, im Einzelfall jedoch vielfach verborgen und tabuisiert bleibt. In enger Kooperation mit dem Pfalzklinikum Kaiserslautern entsteht eine „Sinfonie der Zwischentöne“, die sich mit verschiedenen Aspekten psychischer Erkrankung und Gesundung auseinandersetzt.
Mindestens ebenso ungewöhnlich wie die Themensetzung ist auch der Entstehungsprozess. Zwar ist es auf der Theaterbühne oder im Tanztheater mittlerweile keine Seltenheit mehr, dass sowohl Bühnenprofis als auch Laien an der Entstehung eines neuen Stücke beteiligt sind. Deutlich seltener ist es hingegen, dass auch eine Komposition in orchestraler Besetzung in einem solchen offenen und dialogischen Prozess entsteht. Normalerweise liegt deren Entstehung in den Händen eines einzigen Spezialisten. Das Orchester kommt üblicherweise erst ins Spiel, wenn bereits alle Ideen zu Papier gebracht, alle Noten geschrieben sind. Und dass musikalische Laien maßgeblich mitkomponieren, ist erst recht eine Seltenheit.

Sinfonie der Zwischentöne-07
Sinfonie der Zwischentöne-08
Sinfonie der Zwischentöne-09

Ein gemeinsames Work in progress
Im September 2019 fand sich am Pfalztheater Kaiserslautern ein achtzehnköpfiges Konzeptions- und Kompositionsteam zusammen, dass etwa zur Hälfte aus Musikerinnen und Musikern des Orchesters besteht. Die andere Hälfte setzt sich aus Expertinnen und Experten für psychische Erkrankungen zusammen, deren Sachkunde sich teils aus einer beruflichen Spezialisierung, teils aus der Innensicht einer eigenen Krankheitsgeschichte speist.
Für die Dauer eines halben Jahres begab sich dieses Team auf den abenteuerlichen Weg eines gemeinsamen Kompositionsprozesses. Niemand wusste zu Beginn, wie das Stück klingen würde, das am 5. April seine Uraufführung erleben wird. Wird am Ende das gesamte Orchester in großer sinfonischer Besetzung auf der Bühne stehen? Wird das Kompositionsteam selber aktiv mitwirken oder im Verborgernen bleiben? Und welche musikalische Sprache werden wir in der gemeinsamen Auseinandersetzung mit dieser komplexen Thematik finden? Nichts davon war zu Beginn klar. Was aber jeder und jede einzelne Mitwirkende von Anfang an ganz genau wusste, war, welche Erwartungen und Anliegen er oder sie mit diesem Projekt verband. Zum Beispiel: Nicht einseitig in die Rolle der hilfsbedürftigen Erkrankten gedrängt zu werden, sondern selbst gebraucht zu werden. Dem vorurteilsbeladenen Schubladendenken einen Blick auf die „Menschen hinter der Krankheit“ entgegenzusetzen. Oder, auf künstlerischer Ebene: Als musikalischer Laie erstmals im Leben auf einer Konzertbühne zu stehen – oder auch als Profi eine gänzlich neue und aufregende Art von Orchesterarbeit zu erleben, in der die Musiker/innen nicht nur Ausführende sind, sondern von der ersten Ideensuche bis zu den Schlussproben aktiv in den kompositorischen Entstehungsprozess eingebunden sind.

Sinfonie der Zwischentöne-10
Sinfonie der Zwischentöne-11
Sinfonie der Zwischentöne-11b

Zwischenbilanz zur Halbzeit
Den Anfang dieses Prozesses bildete ein intensives und inniges Kennenlernen auf vielfältigen Ebenen: Da wurde zusammen gesungen und mit Klängen experimentiert; Theater gespielt und Musik gehört; mit tiefem Ernst über Leidensgeschichten und emotionale Grenzerfahrungen gesprochen und hin und wieder auch ausgelassen herumgealbert. Vor allem aber wurde wechselseitig voneinander gelernt: Die einen lernten die Orchesterinstrumente und ihre vielfältigen Klangfarben kennen, die anderen konnten ihr Wissen über die Verläufe seelischer Erkrankungen und Heilungsprozesse erweitern. Gemeinsam wurde ein „Katalog der Seelenzustände” erstellt, der für die weitere Arbeit als Materialfundus dient.

Sinfonie der Zwischentöne-12
Sinfonie der Zwischentöne-14
Sinfonie der Zwischentöne-15

Mittlerweile zeichnet sich zumindest in Teilen ab, wie die endgültige Komposition klingen könnte. Aber vieles ist noch offen und vor unserem Team liegt noch ein großes, spannendes Stück Weg.

Sinfonie der Zwischentöne-13

Komposition und Regie: Bernhard König
Musikalische Leitung: Uwe Sandner
Organisation und Dramaturgie: Desirée Kohl